Captain Tsubasa 2: World Fighters
Kaum eine andere Fußballserie hat den Sport seit den 1980er-Jahren so spektakulär und unterhaltsam in Szene gesetzt wie Captain Tsubasa und damit Generationen von Fans begeistert. Die Anime- und Manga-Franchise machte aus normalen Spielen spektakuläre Duelle, in denen Schüsse zu besonderen Techniken wurden und jeder Zweikampf eine eigene Geschichte erzählte. Und nachdem die Captain Tsubasa Franchise vor einigen Jahren mit Rise of New Champions ihr Comeback in der Welt der modernen Heimkonsolen feierte, soll der zweite Teil nun größer und umfangreicher ausfallen. Über 110 spielbare Charaktere, 22 Nationalmannschaften und neue Spezialaktionen versprechen mehr Möglichkeiten auf dem Platz. Gleichzeitig bleibt das Grundprinzip erhalten: Hier geht es nicht um eine realistische Fußballsimulation, sondern um übertriebene Schüsse, spektakuläre Zweikämpfe und Matches, die sich wie eine Folge des Animes anfühlen sollen. Mit dem Weltjugendturnier als erzählerischem Rahmen und einem eigenen Charakter, der gemeinsam mit Tsubasa um den Titel kämpft, stellt sich die Frage, ob World Fighters die bekannten Stärken sinnvoll weiterentwickelt oder sich zu sehr auf den Effekt seiner Inszenierung verlässt.
Der Ball ist mein Freund
Im Vordergrund des Spiels steht die Hauptkampagne, deren Geschichte unmittelbar an das Ende von Rise of New Champions anknüpft. Und wie auch beim Vorgänger erlebt man die Geschichte erneut aus der Perspektive eines eigens erstellten Charakters, dessen Jugendkarriere zur gleichen Zeit in Brasilien beginnt, in der auch Tsubasa Ozora seine Karriere fortsetzt. Wer dabei auf ein actionreiches Fußballabenteuer hofft, wird allerdings schnell feststellen, dass World Fighters einen erheblichen Teil seiner Spielzeit mit der Erzählung verbringt. Die Kampagne erinnert stellenweise eher an eine Visual Novel als an ein klassisches Sportspiel. Zahlreiche Dialoge, lange Gesprächssequenzen und ausgedehnte Zwischenszenen treiben die Handlung voran, während man immer wieder auf den nächsten spielbaren Abschnitt wartet. Zwar werden dadurch die Beziehungen zwischen den Charakteren und die Ereignisse rund um die Mannschaften ausführlicher beleuchtet, gleichzeitig zieht sich die Geschichte durch die schiere Menge an Dialogen jedoch immer wieder in die Länge.

Für Abwechslung sorgen hingegen die zahlreichen Spiele, die man zwischen den ausgedehnten Dialogen bestreitet. Dabei führt einen die Kampagne durch verschiedene Ligen und Szenarien. Während man beispielsweise in Brasilien den südamerikanischen Fußball kennenlernt, erlebt man in der japanischen Liga das letzte Schulturnier bekannter Charaktere wie Taro Misaki, Kojiro Hyuga und Shun Nitta. Doch so unterschiedlich die einzelnen Stationen auch ausfallen, führen letztlich alle Wege zum selben Ziel: dem World Youth Turnier, bei dem die japanische Jugendnationalmannschaft erneut um den Titel der besten Mannschaft der Welt kämpft. Neben der umfangreichen Hauptgeschichte bietet das Spiel je nach Kapitel außerdem zwei bis drei Nebenmissionen. In diesen kleineren Sonderepisoden werden einzelne Charaktere näher beleuchtet und ihre Geschichten weiter vertieft.

Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten
Das Herzstück von Captain Tsubasa 2: World Fighters ist aber nach wie vor das Gameplay, das im Großen und Ganzen auf dem des Vorgängers basiert. Doch bereits im Tutorial fällt auf, dass das Spiel inzwischen einige sinnvolle Quality-of-Life-Verbesserungen erhalten hat. Dank klarer Button-Prompts lassen sich Manöver wie das Blocken von Schüssen oder das Ausführen akrobatischer Volleys nun deutlich einfacher umsetzen. Am grundlegenden Spielprinzip hat sich hingegen wenig verändert: Innerhalb der vorgegebenen Spielzeit gilt es, den Gegner zu bezwingen. Und meiner Meinung nach trägt das Spiel seinen Namen World Fighters nicht ganz zu Unrecht. Je länger man sich damit beschäftigt, desto stärker erinnert das Geschehen auf dem Platz an ein Beat ’em up. Im Mittelpunkt stehen die bildgewaltigen Spezialtechniken, von Tsubasas Drive Shot bis hin zu Hyugas Tiger Shot. Gerade im späteren Spielverlauf, wenn man auf Gegner wie Santana oder Schneider trifft, die ebenfalls über ein beeindruckendes Repertoire an Fähigkeiten verfügen, entwickelt sich insbesondere die zweite Halbzeit zu einem regelrechten Schlagabtausch. Wer hier allerdings taktisches Fußballspiel erwartet, dürfte schnell enttäuscht werden. Ich möchte EA Sports FC an dieser Stelle keineswegs als Paradebeispiel für das Fußballgenre bezeichnen, doch World Fighters fehlt es stellenweise an der nötigen spielerischen Bissigkeit. Dabei habe ich grundsätzlich nichts dagegen, dass sich das Spiel zu einem Feuerwerk aus Spezialschüssen und spektakulären Aktionen entwickelt. Was mir jedoch fehlt, ist ein griffigeres Spielgefühl beim Laufen und Passen. Gerade die Laufwege der Mitspieler wirken nicht immer nachvollziehbar und auch bei Zweikämpfen hat man gelegentlich das Gefühl, eher gegen das Spielsystem als gegen den eigentlichen Gegner zu kämpfen. Hinzu kommt, dass sich das grundlegende Spielprinzip mit zunehmender Spielzeit doch recht stark wiederholt. Etwas mehr Präzision, spielerische Tiefe und vielleicht sogar eine kleine Prise Realismus hätten dem Gameplay durchaus gutgetan.

Inhaltlich an Grenzen gestoßen
Leider bietet Captain Tsubasa 2: World Fighters abseits der Hauptkampagne nur wenige Möglichkeiten, sich längerfristig mit dem Spiel zu beschäftigen. Neben dem Training steht lediglich der Mehrspieler-Modus zur Verfügung, wobei vor allem der Online-Modus enttäuscht. Hier seid ihr an die vorgegebenen Mannschaften gebunden und könnt euch kein eigenes Dream Team aus allen verfügbaren Charakteren zusammenstellen. Zwar lässt sich der eigene Charakter in die Teams integrieren, wer sich jedoch aus Tsubasa, Hyuga, Schneider, Santana und Co. seine persönliche Wunschelf bauen möchte, schaut in die Röhre. Auch klassische Modi wie eigene Turniere oder eine Liga sucht man vergeblich. Gerade abseits der Kampagne wird dadurch viel Potenzial verschenkt.
Grafik & Sound
Was die Grafik angeht, muss ich leider sagen, dass Captain Tsubasa 2: World Fighters technisch nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit ist. Im Grunde bewegt sich die Darstellung noch immer auf dem Niveau des PS4-Vorgängers, was gerade bei einem aktuellen Titel durchaus ernüchternd ist. Zwar sind Auflösung und Framerate etwas besser, an der eigentlichen Qualität der Präsentation hat sich jedoch nur wenig getan. Im Vergleich zu anderen aktuellen Anime-Spielen wirkt World Fighters deutlich weniger beeindruckend. Dazu kommen die häufig wiederverwendeten Animationen in den Visual-Novel-Abschnitten, die mit zunehmender Spielzeit immer stärker auffallen. Es fehlt schlicht an visueller Abwechslung. Auch die Spezialtechniken, die bereits im Vorgänger zu den großen optischen Highlights gehörten, wirken diesmal weniger spektakulär. Zwar sind sie immer noch recht imposant, aber auch hier merkt man dem Spiel seine PS4 Wurzeln an. Besonders deutlich wird das, wenn man als langjähriger Spieler von Captain Tsubasa: Dream Team einen Blick auf die dortigen Animationen wirft. Das Mobile-Gacha bietet teilweise deutlich aufwendigere und abwechslungsreichere Schuss- und Passanimationen und stellt Namco Bandais Konsolenspiel in dieser Hinsicht sogar stellenweise in den Schatten.
Akustisch liefert Captain Tsubasa 2: World Fighters dagegen solide Kost, ohne dabei besonders hervorzustechen. Die Musik passt gut zur actionreichen Atmosphäre und die Spezialtechniken werden von passenden Soundeffekten begleitet, insgesamt bleibt der Soundtrack aber eher zweckmäßig, als dauerhaft im Gedächtnis zu bleiben. Auch bei der Sprachausgabe gibt es wenig auszusetzen, sofern man mit der typischen Anime-Inszenierung etwas anfangen kann.

FAZIT
Captain Tsubasa 2: World Fighters ist kein schlechtes Spiel, verschenkt aber leider viel Potenzial. Die spektakulären Spezialtechniken, die zahlreichen bekannten Charaktere und die umfangreiche Kampagne sorgen gerade für Fans der Serie für einige unterhaltsame Stunden. Gleichzeitig wird schnell deutlich, dass sich spielerisch seit dem Vorgänger nur wenig getan hat. Das Gameplay fühlt sich stellenweise unpräzise an, wiederholt sich recht schnell und auch bei den Spielmodi fehlt es an einigen wichtigen Möglichkeiten.
Besonders enttäuschend ist allerdings die technische Seite. Optisch wirkt World Fighters trotz des Generationswechsels kaum moderner als der Vorgänger und auch die Inszenierung der Spezialtechniken kann nicht mehr ganz so beeindrucken wie noch vor einigen Jahren. Wer über diese Schwächen hinwegsehen kann und mit der typischen Captain-Tsubasa-Formel etwas anfangen kann, bekommt dennoch ein unterhaltsames Anime-Fußballspiel. Für einen echten großen Sprung nach vorne reicht es aber nicht.
[ Review verfasst von Dimi ]
[ Gespielt auf einer PlayStation 5 mit 4K TV ]
Pluspunkte:
- Umfangreiche Kampagne mit vielen bekannten Charakteren
- Sinnvolle Quality-of-Life-Verbesserungen beim Gameplay
- Solide Soundkulisse und passende Sprachausgabe
Minuspunkte:
- Spielerisch nur wenige echte Neuerungen gegenüber dem Vorgänger
- Technisch enttäuschende Grafik mit vielen wiederverwendeten Animationen
- Fehlende Spielmodi und Einschränkungen beim Erstellen eigener Teams
Spielinfos